Special Moments
Das „Wunder von Bern“ am 4. Juli 1954 begeistert den 14-jährigen Dietmar Hopp so sehr, dass er wenige Tage später bei der TSG 1899 Hoffenheim vorstellig wird. „Ich wollte auch Fritz Walter sein“, erklärt er Jahre später in einem Feature auf der Homepage des Bundesligisten. Sein erstes Spiel macht Dietmar Hopp noch in den Knickerbockern seines Bruders und in dessen Fußballstiefeln – auch fast zehn Jahre nach dem Krieg ist im Kraichgau Sparen das Gebot der Stunde. Ebenfalls voll im Trend der Wirtschaftswunderzeit: Deftige Kost für die Fußballer.
Vergessen wir Ernährungswissenschaft, Food-Coaching und anderen Schnickschnack – im Hoffenheim der 1950-er Jahre oder beim Bundesliga-Start von Eintracht Frankfurt 1963 sind Wurstspezialisten auf dem Speiseplan der Kicker etwas ganz Normales. Hopp studiert Nachrichtentechnik in Karlsruhe. Er ist ein typischer Wochenend-Heimfahrer, wie so viele aus der Region. Von Karlsruhe nach Hoffenheim sind es nur 60 Kilometer. Also: Heim zu Mutter Hopp und zur Freundin – und am Sonntag zur TSG auf den Fußballplatz. Schon mit 17 spielt Hopp in der ersten Mannschaft des Klubs, der damals in der A-Klasse Sinsheim allenfalls absoluten Kennern des baden-württembergischen Fußballs ein Begriff ist. „Als Mittelstürmer wurde ich in Hoffenheim gebraucht“, berichtet Dietmar Hopp. In „Hoffe“, wie der Ort im badischen Dialekt genannt wird, zahlt man damals noch in Naturalien.
Dietmar Hopp ist ein cleverer Kaufmann. Lange bevor er 1972 mit seinen vier IBM-Kollegen, Hasso Plattner, Claus Wellenreuther, Hans-Werner Hector und Klaus Tschira, das Softwareunternehmen Systemanalyse und Programmentwicklung (SAP) gründen und zum Vorstandsvorsitzenden, Milliardär und zu einem der reichsten Männer Deutschlands aufsteigen wird, hat er seinen ersten Sponsoring-Deal in der Tasche. Mit dem Bauern aus der Nachbarschaft. Der lobt für jedes Tor von Dietmar Hopp eine Dose Leberwurst aus. Wahrscheinlich muss man dem Mann im Kraichgau ewig dankbar sein. Am Sonntagabend, direkt nach den Spielen, wird geliefert – und Hopp nimmt diese regionale Spezialität mit ins Studentenwohnheim. „Einmal“, so erinnert sich der SAP-Gründer, „habe ich gleich drei Dosen mitgebracht. Das war ein großes Hallo.“
Dass einmal der große FC Liverpool mit Jürgen Klopp zur Champions-League-Qualifikation, der FC Bayern München mit Hopps Golf-Freund Franz Beckenbauer oder Manchester City mit Pep Guardiola in Sinsheim vorbeischauen könnten, ist in diesen Tagen noch bizarrste fußballerische Science-Fiction. Die Highlights in „Hoffe“ sind die Derbys gegen den FC Zuzenhausen. Nicht mal vier Kilometer Luftlinie trennen die beiden Kraichgau-Gemeinden. „Das war noch echte Rivalität“, schwärmt Hopp von diesen Zeiten. „Es ist erstaunlich, wie prägend diese frühen Erfahrungen sind“, heißt es dazu in einem Porträt des Hoffenheimer Machers auf der Homepage der TSG 1899, „Dietmar Hopp kann lebhaft davon erzählen. Sogar von einzelnen Spielszenen und Situationen.“ Stürmer Hopp sorgt sogar für einen Hoffenheimer Abstieg. Als es um den Liga-Verbleib geht, haben die Zuzenhausener Mitleid mit dem Nachbarn und schicken die B-Elf. „Ich hatte fast das Gefühl, dass die uns gewinnen lassen wollen“, erinnert sich Hopp – und verschießt einen Elfmeter. 3:5 heißt es am Ende, Hoffenheim steigt ab. Das ist Anfang der 1960-er Jahre, in der Hochphase des Kalten Krieges.
Alles ändert sich 1989. Der Kalte Krieg ist zu Ende und Milliardär Hopp beschließt, seinem Heimatverein 1899 Hoffenheim, dem er so viele schöne Fußball-Erlebnisse verdankt, finanziell unter die Arme zu greifen. Die TSG dümpelt in den Niederungen des baden-württembergischen Amateurfußballs. Also da, wo sie immer war. Hopp schaut eher zufällig in dem kleinen Stadion vorbei und beschließt, sich finanziell einzubringen. Geld spielt keine Rolle. Hopp gelingt in dieser Zeit sein erster Transfer-Coup. Er kann den ehemaligen Pokal-Helden des VfB Eppingen, Erwin Rupp, als Trainer verpflichten. Im Oktober 1974 hat Rupp mit den Eppingern den großen Hamburger SV aus dem DFB-Pokal gekegelt und für eine der größten Sensationen in diesem Wettbewerb gesorgt. 1990/91 geht es mit Rupp und Hopp hoch in die Bezirksliga, 1992 in die Landesliga. 1996 folgt der Aufstieg in die Verbandsliga und 2000 in die Oberliga.
Hopp lebt für „seine“ TSG Hoffenheim, aber er stellt den Erfolg nie über das Menschliche. So schreibt das Magazin Top in Fußball – Hoffenheim (Sonderheft) 2009: „Die Menschen stehen bei Hopp sowieso im Vordergrund. Bei SAP nannte man ihn „Vadder Hopp“. Er sorgte dafür, dass es seinen Mitarbeitern gut ging, sein Credo ist: „Durch Menschlichkeit und Verständnis zu Leistung anspornen.“ Mehr als 350 Millionen Euro hat er seit 1989 in den Verein investiert, aber auch andere Teams wie die Handballer von den Rhein-Neckar-Löwen oder die Eishockey-Mannschaft Adler Mannheim (seit 1998) finanziell unterstützt.
Mit 1899 Hoffenheim gelingt 2007/08 unter Trainer und „Fußball-Professor“ Ralf Rangnick der Durchmarsch von der Regionalliga in die Bundesliga. Aber: Nicht alle sind dem Wohltäter wohl gesonnen. Das finanzielle Engagement von Dietmar Hopp steht vom ersten Tag in der deutschen Fußball-Eliteliga in der Kritik. Der Hauptvorwurf: Hopp, der nur als Mäzen auftritt und kein offizielles Amt im Verein innehat, unterhöhlt die in Deutschland geltende „50 plus 1“-Regelung. Hopp, so sehen es jedenfalls die Kritiker, greife direkt ins operative Geschäft ein, was Investoren verboten ist. Auch wird 1899 Hoffenheim vorgeworfen, ein „Klub ohne Tradition“ zu sein. Die „Traditionskarte“, aber auch die „Der macht 50 plus 1 kaputt“-Karte spielt von Anfang an Hans-Joachim Watzke. Der Vorstandsboss von Borussia Dortmund, der 2008 beinahe neidisch in den Kraichgau zu blicken scheint, profiliert sich schnell als Chefkritiker des Modells Hoffenheim. Es könne nicht sein, behauptet Watzke, „dass so eine Mannschaft [wie Hoffenheim] einen der 36 Plätze im Profifußball wegnimmt“. Die Sprüche aus München sind feinsinniger. „1899 Hoffenheim – Ich frage mich: Wo haben die sich all die Jahre versteckt?“, stellt Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, beim Rekordmeister auch für das „offene Wort“ zuständig, unmittelbar vor dem ersten Aufeinandertreffen in der Bundesliga am 5. Dezember 2008 eine nicht ganz unberechtigte Frage. Mit 2:1 und durch den späten Siegtreffer von Weltmeister Luca Toni kann der Branchenriese den Emporkömmling vom Dorf abschmettern. „Toni erledigt Hoffenheim“, schreibt Italiens Fußball-Bibel Gazzetta dello Sport, „die Revolution bremst ab.“

Watzke dagegen gießt weiter Öl ins Feuer. Er spricht von einer „Benachteiligung der Traditionsvereine“ – und stößt mit seiner Kritik bei weiten Teilen des Dortmunder Publikums auf offene Ohren. Hopp wird kurzerhand zum „Staatsfeind Nummer eins in Westfalen“ erklärt und muss sich Beleidigungen, Diffamierungen und Drohungen gegenübersehen. Besonders bekannt wird ein Banner eines BVB-Fans, auf dem das Gesicht von Hopp in einem Fadenkreuz mit der Unterschrift “Hasta la vista, Hopp” zu sehen ist. Aufhalten lässt sich das „Projekt“ Hoffenheim, wie Watzke es gern abfällig bezeichnet, durch solche Aktionen natürlich nicht. Hopp macht Hoffenheim salonfähig. 2009 ist die 60 Millionen Euro teure Rhein-Neckar-Arena fertig. Zum 100-jährigen Vereinsjubiläum 1999 hat er den Seinen schon einmal ein Stadion gegönnt. Es ist das 5.000 Zuschauern Platz bietende Dietmar-Hopp-Stadion. Als die neue Rhein-Neckar-Arena mit einem 2:0 von „Herbstmeister“ Hoffenheim gegen Energie Cottbus zum Rückrundenstart 2009 eingeweiht wird, ist Hopp stolz. „Wir sind nicht mehr der Dorfverein, sondern der Verein der Rhein-Neckar-Metropol-Region mit 2,4 Millionen Einwohnern.“ Von Hopps Mäzenatentum profitieren sie alle im Kraichgau. Auch der alte Rivale aus Zuzenhausen bekommt etwas vom „Hoffenhype“ (Top in Fußball) ab: Für 15 Millionen Euro entsteht dort das Trainingszentrum der TSG 1899 Hoffenheim.
Wurstspezialitäten als Ansporn für Tore für einen eher mittelmäßigen Stürmer und eine Niederlage gegen den Nachbarn – zwei Special Moments für die TSG Hoffenheim – mit gravierenden Auswirkungen für ganz Fußball-Deutschland.
